Mein letzter Beitrag anläßlich eines Welt-Kommentars des Grünen Politikers Matthias Güldner hat über 80 Kommentare ergeben, die mir eine wertvollen Input gegeben haben bezüglich meines derzeitigen Themas im Rahmen der vergleichenden Politikwissenschaft.
Es geht um den Vergleich der „Netzbewegung“ bzw. Piraten mit der Protestbewegung 1968. Basierend auf vorliegenden Quellen bieten sich zahlreiche Analogien. In beiden Fällen handelt es sich um eine Revolte der Jugend, die sich zutiefst von ihrer Elterngeneration unverstanden fühlt.
Waren es damals alternative Lebensstile und Musik, so ist es heute das Internet, das eine verschlossene Lebenswelt für die ältere „Generation Kugelschreiber“ darstellt. Dieser eher psychologisch zu beschreibende Konflikt entzündete sich damals wie heute an politischen Freiheitsfragen.
Waren es damals die Notstandsgesetze (30. Mai 1968) so sind es heute die Netzsperren als Stein des Anstoßes. Der damals auf den Straßen ausgetragene Protest findet heute im Netz statt. War es damals der „Schweinestaat“, ist es heute der „Überwachungsstaat“. War es damals der „militärisch-industrielle Komplex“, so sind es heute „Contentindustrielle“, die den Staat zur ihren Zwecken missbrauchen.
In beiden Fällen ist eklatant, dass die Protestierenden nicht einzelne Detailverbesserungen erkämpfen wollen, sondern dem Staat offen die Systemfrage stellen. SPD und CDU damals wie heute in einer großen Koalition verbunden schienen keine Alternative zu bieten. Schon gar keine Linke. Die 68er Jugend sah sich von einem staatlichen Ungetüm umgeben, das in den Totalitarismus abzudriften drohte.
Hierzu eine Stimmungslage aus den Kommentaren des letzten Beitrages:
@Einheizfront: „Es gibt in Deutschland keine linken Parteien mehr, die “Abgeordnete ins Parlament” schicken. Und es gibt vor allem keine etablierten Parteien mehr, die unsere Bürgerrechte verteidigen.“ @inflationaer klagt “ Faschisten, Contentindustrielle und Shooter-Gegner an“. @imrahil schreibt weiter „Hitler hätte seine Freude mit ihnen gehabt, ich wünsche ihnen ein rechtzeitiges erwachen bevor ihre eigene Blindheit sie dem nächsten Führer in die Hände spielt…“ @Hans stimmt zu, dass „das Vertrauen in eine Demokratie und seiner Justiz das fehlt.“ und @Merovius stimmt letztlich zu, dass „die piraten sind also die einzigen (sind), die einem vierten reich entgegenstehen.“
All dies zeugt von einem tiefen Vertrauensverlust des politischen Systems dieser Republik. Und so verwundert es nicht, dass sie Zitate, wie die oben genannten auch in Schriften des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) finden oder in den theoretischen Schriften von Ulrike Meinhof.
Es wird spannend zu beobachten sein, inwieweit sich die Parallelitäten fortsetzen. Lange Zeit glaubte die APO das System tatsächlich beeinflussen zu können. Erst nach ihrem Zerfall kam es zu einem Radikalisierungsschub. Was könnte geschehen, wenn die Piratenpartei wiederholt nicht den Sprung in die Parlamente schafft und Teile ihrer Wählerschaft sich ihrer letzten Möglichkeit politischer Einflussnahme beraubt sehen? Wird es Splittergruppen geben, die den Kampf mit anderen Mitteln fortsetzten werden? Wird aus dem Konzept der „Stadtguerilla“ die „Cyberguerilla“ einer RAF 2.0? Aus Bombenattentaten auf Polizeistationen Hackerangriffe auf BKA Computer?
Hoffen will man das nicht. Aber man darf gespannt sein.
3 Antworten bis hierher ↓
Mike // Juli 29, 2009 um 9:40 |
Hey Ingrid,
vorschungsvorhaben der vergleichenden powi, haja spanendes Thema bist aber jetzt nicht wirklich innovativ hab darüber schon einen fachartikel gesehen. Aber wäre jetzt eine RAF 2.0 so schlimm wie die RAF offline? Hackerangriffe töten keine menschen. Bomben schon. wäre es nicht mal wieder zeit für eine politische fortentwicklung? schon mal gaddafi gelesen, klar der ist jetzt kein demokrat seine analyse unseres systems hat aber durchaus wahrheiten. vielleicht wären ideen der piraten etwa liquid demokratie oder basis demokratisch prinzipien mittels sicherer it zu verwirklichen …
mfg mike
ingriiiid // Juli 29, 2009 um 10:00 |
Hi Mike,
Fachartikel ist super. Freue mich über Literaturhinweise.
Innovativ ist es natürlich nicht, geht ja auch nicht, da relativ offensichtlich.
Imrahil // Juli 30, 2009 um 11:23 |
Hi Ingrid,
Mittags um 13 Uhr sieht die Welt nochmal anders aus, daher versuch ichs jetzt nochmal mti ruhig bleiben
Vieleicht versuchen sie sich mal darüber zu informieren was in Deutschland derzeit passiert.
Sie wollen seriöse Informationen, und die kann man ihnen problemlos liefern.
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/729912?inPopup=true
Hier eine Dokumenation darüber was in Deutschland derzeit Datentechnisch gemacht wird und damit wie heftig in ihre und meine Privatssphäre eingegriffen wird.
Eine 50 Minütige Werbeveranstaltung für die Position der Piratenpartei.
Wir hatten ja ausserdem einen Disput über das Thema Kinderschutzorganisationen.
Sie zitieren gerne den deutschen Kinderschutzbund (der gerne Umfragen fälscht) und andere Organisationen deren Mitglieder sich nicht aus Opfern sondern aus Politikern und Berufslobbyisten zusammensetzt.
Dort werden politische Ziele durchgesetzt und nicht Opferschutz betrieben.
Lesen sie sich doch mal auf http://www.carechild.com ein.
Als Aufhänger: http://www.carechild.de/news/politik/internetzensur_carechild_versuch_blamiert_deutsche_politiker_566_120.html
Die besten Argumente gegen Zensur und Überwachungswahn sind wertneutrale Berichterstattung.
Vieleicht glauben sie ja den Menschen die von unserer Regierung zum Schutz unserer Daten abgestellt wurden und denen die tatsächlich Opfer einer „Vollverglasung“ wurden.
Gruß,
Imrahil